Zum Tod von René Burri

Kein Wort zwischen uns. Und doch hat er mir etwas Wichtiges auf den Weg gegeben.






Bild über phaidon.com

Am 20. Oktober ist der bekannte Schweizer Fotograf René Burri im Alter von 81 Jahren verstorben. Ich habe ihn nur ein einziges Mal gesehen, es war im Sommer vor vier Jahren und mich auch da nicht getraut, ein Wort mit ihm zu wechseln. Die Summer School des Filmfestivals Locarno hatte zu einem Tagesausflug geladen; in einem Bus fuhren wir Filmstudenten aus den verschiedensten Ländern dieser Welt hinauf in eines dieser bekannten Tessiner Dörfer, die zumeist aus kurvigen Strassen, einer Steinkirche und einem atemberaubenden Ausblick bestehen. Der Bus hielt am Eingang des Dorfes, dessen Name mir leider entfallen ist und wir wanderten die letzten paar Hundert Meter hinauf, immer in der sengenden Sonne und ohne Wissen, was nun folgen würde. Ich erkannte ihn sofort, obwohl ich noch nie zuvor von ihm gehört hatte. In meiner Welt begannen sich zu diesem Zeitpunkt die Künstler des Zelluloid gerade erst persönlich bei mir vorzustellen. In Seminargesprächen sammelte ich die Namen bekannter Künstler wie andere zu WM-Zeiten Hanuta essen, um an ihre Fussballbildchen zu kommen. Ich hungerte nach guten Filmen, Büchern, Kunstwerken und fand sie zahlreich, doch spürte ich, dass ein langer Weg vor mir lag.

Der Hut hatte ihn verraten, er trug seinen Borsolino mit einer Selbstverständlichkeit, die ich mir in meiner Jugend irgendwann abgewöhnt hatte, sie war der Angst vor der Frage gewichen, was andere über mein Aussehen denken würden. Inmitten der zahlreichen Gäste auf dieser Vernissage (das Buffett hatte es mir verraten), bewegte er sich in seinem weissen Leinenanzug und der randlosen Brille wie ein Fotograf. Er war es. Auch das wurde mir jetzt klar. Seine Leica baumelte am schwarzen, abgegriffenen Lederhalsband, er stach aus der Masse hervor durch seine Art, wie er die Menschen anschaute, die er begrüsste. Die Autorin in mir stand oben auf der Kuppe und liess sich keine seiner Bewegungen entgegen, beobachten war mein Lieblingsspiel, ein anderer Teil in mir hätte ihn gerne beiseite genommen und mit Fragen gelöchert. Die Anfänge des Films lagen mir auf der Zunge, das Wunderbare eines einzigen Augenblicks und die Frage nach der Angst vor Kritik.

Das Löchern übernahmen die anderen, ich hielt mich zurück und schaute weiter auf diesen Fotografen, der mit seinem Werkzeug so selbstverständlich umging, obwohl er es in meiner Erinnerung nur dreimal benutzte in diesen eineinhalb Stunden, in denen wir seine Gäste waren. Ein Knipser war er sicher nicht. Ich war satt, nun wollte ich seine Bilder sehen. Ein rundes Häuschen aus weissem Stein stand mitten auf der grünen, leicht abschüssigen Wiese, es erinnerte an einen gestrandeten Leuchtturm. Darin hingen die Schwarz-Weiss-Bilder, sorgfältig gerahmt. Es war angenehm kühl und im Glas spiegelte sich mein Gesicht, bewegten sich meine Augen über die verschiedenen Grauflächen. Ganz ehrlich: Ich kann mich nur an ein einziges Bild erinnern. Da ist eine Ampel, ich glaube, es ist in New York. Der Asphalt ist nass vom Regen und dahinter verliert sich eine leere Strasse im Nichts. Alles andere ist verschwommene Erinnerung, nicht aber die Gefühle, die in diesem Augenblick zu mir sprechen:


  1. Kleide dich ohne Rücksicht auf andere

  2. Dein Werkzeug ist ein Teil von dir (sein Fotoapparat, mein Stift)

  3. Zeig her, was du gemacht hast.


Ich habe an dieser Vernissage mehr gelernt, als in einem ganzen Semester an der Filmhochschule. René Burri wird mich noch lange begleiten.


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